Dienstag, 3. November 2009

幼儿园 you er yuan - Education I

Rice, egg and beef, carrot and lettuce fried chicken, fried vegetable, tofu and fish soup, dragon fruit and green jujube. Das ist das heutige Mittagsmenu im chinesischen Kindergarten, welchen unsere Kinder nun seit über einem Jahr besuchen. D.h. eigentlich heisst das Ding "Canadian International Kindergarten". Aber bis auf zwei Koreaner sind sie unter rund 300 chinesischen Kindern die einzigen Ausländer. Und trotzdem ist es auch kein normaler, öffentlicher, chinesischer Kindergarten, sondern eine private Organisation, welche vor allem damit Werbung macht, dass sie einem modernen, westlichen Erziehungskonzept folgt.
Als ich letztes Jahr in der Eingewöhnungsphase während einigen Lektionen dabei war, war es für mich ein Schock. Was tun wir hier? Wieso tue ich das meinen Kindern an? Wie können wir so schnell wie möglich wieder in die Schweiz zurück, wo sie in der Krippe "Bäbizimmer" und Kuschelecken hatten? Aber dann denkt man sich, so schlimm kann es auch wieder nicht sein, schliesslich sieht die halbe Milliarde chinesischer Kinder auch nicht ganz so unglücklich oder verblödet aus. Also mal nur nicht die Kinder negativ beeinflussen und einfach mal abwarten, wie sich alles entwickelt. Und so lernen sie nun seit über einem Jahr chinesische Gedichte, Rechnen, Orff Musik, Golf und auch das Herunterleiern von "Hello everybody. My name is Jana. I'm 5 years old. I'm going to Canadian International Kindergarten. And today I am happy!" Jeden Tag kommen sie mit einem Heft heim, wo sie nach Discipline, Activity, Listetning to Teacher, Response, Reading und dergleichen bewertet werden. Und wenn sie tagsüber bestimmte Aufgaben besonders gut meistern, bekommen sie Punkte (bunte Sticker auf ihre persönliche Tafel geklebt). Am Anfang waren es sogar noch Bonbons... so richtig nach dem Seehundprinzip. Und siehe da, den Kindern gefällt's!
Alles, was man in unseren Kindergärten und Schulen um jeden Preis zu vermeiden versucht, wird hier voll durchgezogen. Leistung, Bewertung, Auswendiglernen. Und von den Eltern auch so verlangt. Study hard, listen to the teacher, learn by heart. Als eine der amerikanischen Englischlehrerinnen es mal wagte, den Eltern eines Kindes zu sagen, dass ihr Kind sich manchmal eigenständig tolle Dinge ausdenkt, waren diese ganz entsetzt, weil das ja implizit hiess, dass es während dieser Zeit nicht das macht, was ihm vorgezeigt wird.
Wenn ich den anderen Müttern oder Lehrerinnen zu sagen wage, dass ich freitags nicht arbeite und die Kinder dann auch nicht den Kindergarten gehen, kommen Fragen und Bemerkungen, die mir zu verstehen geben, dass sie sich an meiner Stelle Sorgen machen würden um die Zukunftsaussichten meiner Kinder. Immerhin bemerken sie dann, dass wir Ausländer halt nicht einem so grossen Konkurrenzdruck ausgesetzt sind, weil wir ja nicht so viele sind. Diesen Vorteil benutzen wir dann gleich, um abends ganz anarchistisch die Hausaufgaben einfach links liegen lassen und die Mädchen lieber mit ihren Puppen spielen zu lassen. Die chinesischen Klassenkameraden hingegen besuchen meist auch samstags noch irgendwelche Englisch-, Klavier- oder sonstige Förderungskurse.

Auf jeden Fall schient hier noch kein chinesischer Piaget oder Pestalozzi seine Ideen entfaltet zu haben. Neurologische Erkenntnisse, zu was Kinder in einer gewissen Altersstufe angeblich fähig sind oder nicht, werden total missachtet. Alles, was bei uns ab der Primarschule möglichst spielerisch und vorsichtig an die Kinder herangebracht wird, wird hier schon um drei bis vier Jahre früher in einer Art pseudopartizipativem Frontalunterricht durchgezogen.
Hingegen ist es ein Faktum, dass quasi alle zweijährigen hier windelfrei sind (sofern sie überhaupt je Windeln hatten), dass ich noch nie ein chinesisches Kind mit einem Schnuller im Mund gesehen habe und dass unsere fünfjährige Tochter tatsächlich schon etwa 60 Schriftzeichen erkennen und verstehen kann (auch ohne abendlichen Drill).
Um durch letzteres wieder mal auf den Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur zurückzukommen, musste ich mit Erstaunen feststellen, dass es für Kinder in diesem Alter offensichtlich naheliegender ist, chinesisch (also Wörter in Form von Schriftzeichen) zu lesen, als Wörter durchzubuchstabieren. Auch wenn sie schon alle 26 Buchstaben kennen, können sie ein Wort meist noch nicht lesen, geschweige denn verstehen, was diese Ansammlung von Buchstaben denn für ein Objekt repräsentiert. Ein chinesisches Zeichen, wenn es erst mal erkannt wird, trägt gleichzeitig auch gleich seinen Sinn in sich. Was sich später im Erwachsenenalter als einfacher herausstellt, nämlich eben das Lesen von alphabetischen Schriften anstelle von Piktogrammen, scheint zuerst mal weniger intuitiv zu sein. So ergibt sich eben die Tatsache, dass es in so frühem Alter (zum Teil werden im Alter von zwei bis drei Jahren schon die ersten Schriftzeichen gelernt) möglich ist, lesen zu lernen, zusammen mit der schieren Menge, die erlernt werden muss, um überhaupt von flüssigem Lesen sprechen zu können (ca. 3500, um eine Zeitung lesen zu können), eine ganz andere pädagogische Ausgangslage.
Ich glaube aber auch, dass dieses Auswendiglernen und der Drill bei uns einen viel negativeren Einfluss hätte als hier. Nach dem konfuzianistischen Ideal muss Strenge (eines Führers oder Lehrers) = yan 严 immer mit Wohlwollen = ren 仁 und Moral, bzw. Tugend = de 德 gepaart sein. Zudem ist für die Chinesen ja trotz allem die Menschlichkeit und Gelassenheit immer sehr wichtig. Und diese Mischung scheint es irgendwie auszumachen, dass die Kinder sich trotz dieser Lernerei zu den Lehrerinnen hingezogen fühlen und eigentlich ein recht inniges Verhältnis zu ihnen haben. Zumindest das scheint ja an Pestalozzi und Co. durchaus anzulehnen, was man von europäischen Schulen, vor diesem Ideologiewechsel wohl nicht gerade behaupten konnte.
Das ist durchaus auch den relativ kleinen Klassen (ca. 20 Kinder) in diesen Privatschulen zu verdanken. In den öffentlichen Schulen, wo zum Teil zwischen 30 und 50 Kinder in dieselbe Klasse gehen ist nämlich an solche Intimität nicht zu denken. Zudem dachte ich letztes Jahr in meinem anfänglichen pädagogischen Kulturschock, dass es daran liegen müsse, dass in solchen Nobelkindergärten wie unserem eben auch besonderer Lerndruck auf die Kinder ausgeübt wird, damit aus ihnen auch sicher etwas wird, wenn man schon so viel Geld bezahlt. In Wirklichkeit ist es aber offensichtlich so, dass die, welche es sich leisten können, ihren Kindern damit eher noch ein paar Jahre der "Freiheit" mit Fächern wie Orff Musik, Malen, Golf oder Skating erlauben, bevor die ernste Zeit anfängt. Ab der Primarschule entschliessen sich aber die wenigsten weiterhin für solche "internationalen" Schulen, weil sie befürchten, dass diese zu lasch sind und später die Jugendlichen dann die Aufnahme an die chinesischen Universitäten nicht bestehen würden.
Aber von solchen Überlegungen sind wir zum Glück weit entfernt.


Montag, 3. August 2009

Lebensstile - 生活方式 - Culture III


Als wir angefangen haben Taijichuan zu lernen, hat unser Lehrer gemeint, für Ausländer sei das nicht so einfach, da einem ja das Verständnis für die chinesische Kultur fehle. Damals fand ich diese Bemerkung eigentlich beleidigend, da ich mir noch etwas auf mein hohes kulturelles Einfühlungsvermögen einbildete. Doch letzthin, als wir in einem Beethoven Klavierkonzert mit einer chinesischen Interpretin sassen, musste ich mich beim Gedanken ertappen, ob es denn für Chinesen überhaupt möglich sei, Beethoven zu spielen, ohne den "tiefen" Einblick in die europäische Kultur. Soviel zu gegenseitigen Vorurteilen. Aber sind es wirklich nur solche?
In diesem Zusammenhang kann man mal versuchen Kultur als "Lebensgefühl" anzusehen. Und dieses wiederum als die Art, wie man mit der "Condition humaine", von welcher wir alle erfasst werden, umgeht. Dass der Mensch nicht perfekt ist, weiss jeder auf der Welt. Aber wie man mit diesem Faktum umgeht, ist eben Teil der Kultur. Und verschiedener könnte dieser Umgang zwischen Asien und Europa fast nicht ausfallen.
So gehört zum Beispiel die Fähigkeit zur Selbstironie in unserer Kultur zu bewundernswerten Attributen. Wer sie beherrscht zeigt, dass er über den Absurditäten dieser Welt steht. Ebenfalls ist es auch fast eine Sache der Sympathiebekundung oder zumindest der geistigen Nähe, wenn man jemanden auf den Arm nimmt, oder wenn man ihn an einem ironischen Witz teilhaben lässt. Wenn er ihn versteht, wird er zum Komplizen des gemeinsamen Ertragens der Realität. Dieses Gefühl aber, auf diese Weise der Absurdität trotzen zu müssen hingegen, kommt nur unter der Bedingung eines monotheistischen Hintergrunds oder zumindest einer der post-monotheistischen Einstellungen auf. Der Westen ist durch die Idee eines allmächtigen Gottes oder einer universellen Wahrheit stark geprägt. Zum Finden dieser "Wahrheit" wurden im Westen die Theologie, die Dialektik und die Logik und schlussendlich die technologische Effizienz entwickelt. Um sich aber zeitweise vom Druck des Ideals, des allmächtigen Gottes, oder zumindest vom Druck des effizienzbesessenen Alltags und der ewigen Rückschläge zu befreien gibt's Feste, Parties, Bars... Implizit bedeutet das auch ein Infragestellen oder zumindest Herausfordern des Ideals, eine Huldigung and die "dark side", die teuflische Seite.
Und genau dieses "Problem" gibt es in der chinesischen Kultur nicht. Man ist nicht einem allmächtigen Gott ausgeliefert, dem man auch ab und zu die Zunge ausstrecken muss. In irgendwelchen Bars in chinesischen Städten, falls überhaupt vorhanden, sind entweder fast ausschliesslich Westler zu finden, oder sie sind, bis auf ein paar turtelnd rumsitzende Pärchen, fast leer, auch wenn das Dekor eigentlich recht cool ist. Das Nachtleben hat auf die Chinesen nicht dieselbe Anziehungskraft wie auf uns. Wer nicht unbedingt noch "businessmässig" unterwegs ist, befindet sich eigentlich nach 10 Uhr abends nicht mehr auf der Strasse (auch wenn es natürlich von den geschäftigen immer noch tausende gibt).
Die Chinesen scheinen eher einen miteinander zu heben, um damit das Harmonie- und das gemeinsame Respektgefühlt zu verstärken. Also gewissermassen als Teil des Alltags, nicht als "Flucht". Getrunken wird meist gegen Ende eines Bankettessens. Meist stossen die jüngeren mit den Älteren und Vorgesetzten als Ehrerbietung an, unter gleichaltrigen dann eher als Männlichkeitsbeweis. Dank meist relativ tiefer Alkoholresistenz finden die Trinkgelage sowieso ziemlich schnell ein Ende. Was sie danach machen, habe ich immer noch nicht wirklich herausgefunden. Höchstens vielleicht die Karaoke-Bars... Aber auch diese erfüllen nicht denselben Zweck wie unsere Bars und Tanzflächen. Die einzigen, die noch endlos und scheinbar sinnlos herumziehen müssen sind die Westler.
Das Ausruhen, Dösen, Entspannen, ja auch der gemeinsame Genuss von gutem Essen ist zwar definitiv ein wichtiger Teil des chinesischen Lebens. Es erfüllt aber meist den Zweck, seine Kräfte zu schonen oder aufzubauen für die nächste Arbeitsetappe und für ein langes Leben. Das hat aber wenig zu tun mit unserem ausdrücklichen "Sich Gehen Lassen". Genuss bedeutet bei uns meist auch bewusst in Kauf genommene Selbstzerstörung. Dass durchzechte Partynächte nicht besonders gesund sind, weiss jeder. Und doch brauchen wir sie (hin und wieder), als Kontrastpunkte im Leben, zum Abreagieren der Wirklichkeit. So wird denn auch gerade diese Seite bei uns auch als besonders kreativ bezeichnet. Die besten Ideen entstehen nicht am Arbeitstisch. Künstlerisches Schaffen entsteht (eben z.B. bei besagtem Beethoven) aus der Spannung zwischen göttlichem Ideal und der teuflischen Versuchung. Offensichtlich scheint diese Intensität aber auch zu verbrauchen. Die nach unserem Gutdünken intensivsten Künstler sind meist nicht besonders alt geworden, oder eines natürlichen Todes gestorben.
Rock'n'Roll ist aber auf jeden Fall keine chinesische Erfindung. Von westlicher Musik hat höchstens Céline Dion und Richard Clayderman hier eine Chance (mal abgesehen vom Klavierlernwahnsinn unter den Sprösslingen der Neureichen). Alles ist darauf ausgerichtet, ein gesundes, arbeitsames, erfolgreiches und langes Leben zu führen. Selbstironie oder Zynismus ist gewissermassen ein Gesichtsverlust, weil man nicht fähig ist, sich den einem auferlegten Herausforderungen zu stellen. Diese Überlebensstrategie gilt hier nicht. So wie die Idee des Beichtstuhls und der Vergebung nicht existiert, bedeutet Scheitern eben wirkliches Scheitern, und das darf man sich nicht erlauben...
Wenn man zu Hause, immer in derselben Kultur lebt, hält man alles um einen herum für so selbstverständlich. Man hat das Gefühl, man könne sich seine Werte und Philosophien selbst auswählen. Man lebt ja schliesslich in einer modernen, freien Gesellschaft. Da kann man es sich auch leisten, der Kirche den Rücken zuzukehren. Und auf einmal, in der Ferne, wo man ständig konfrontiert wird, mit völlig anderen Arten, mit dem Leben umzugehen, merkt man erst, welche Konsequenzen unsere Geschichte auf unser Denken und Dasein wirklich hat und dass unser "Lebensgefühl" eben nur eines von wahrscheinlich unzähligen möglichen ist. Und so fängt dann das Pendeln zwischen den Welten an. Die ständige Suche nach der anderen Hälfte. Hier in China bewundert man den Fluss des Lebens, den Gleichmut und das ständige Lächeln..., und sehnt sich auf einmal nach durchgetanzten Nächten, "ä liächtä ga näh" und der Freiheit, auch über die Risse im Leben in aller Oeffentlichkeit debatieren zu können. Und man entdeckt dann auf einmal Ideen wieder, von denen man sich eigentlich schon lange abgewendet hatte...
Wieso Beichtstühle und letzte Gerichte (zumindest in ihrer übertragenen Form) auf einmal wieder attraktiv werden in meiner Weltanschauung, versuche ich nach unseren Ferien in der Schweiz zu erklären.

Sonntag, 31. Mai 2009

Too small - 太小 - Dimensions II

Als ich nach den ersten sechs Monaten Mainland China in Hongkong zum ersten Mal eine Buchhandlung betreten habe, habe ich auf einmal bemerkt, wie mir das gefehlt hat. Dieses Gefühl, sich frei informieren zu können, sich wenn man wollte, jedes Buch der Welt einfach bestellen zu können. Oder auch einfach sich in einer ästhetisch ansprechenden Buchhandlung durch schöne Editionen durchzuschmökern, den Duft der weiten Welt einzuatmen. Hier sehen die Buchhandlungen eher grau aus, die Mehrheit der Bücher schlecht gebundene Paperbacks. Meist muss man froh sein, wenn die Bücher nicht schon vor dem Kauf beschädigt sind. Und man muss staunen, dass es überhaupt interessante Bücher gibt.
Mein "Zensurtestbuch", welches ich damals extra in unser Hausratsgepäck eingepackt hatte, um zu sehen, ob es wirklich so schlimm ist mit der Zensur, ist tatsächlich nie angekommen. "Confucianism and Human Rights" war offensichtlich schon zu anrüchig als Titel, obwohl es nichts Subversives enthält, von einem chinesischen Harvardprofessor (Tu Weiming) geschrieben wurde und eher versucht, das andere chinesische Verhältnis zu den Menschenrechten der Chinesen zu erklären. Schade, denn ich bin noch nicht dazu gekommen, es zu lesen.
Auch die vorliegende Blogseite kann in China keiner lesen, da wahrscheinlich die gesamten Blogger.com Seiten von Google gesperrt wurden. Somit kann ich auch nur mit den nötigen technischen Tricks weiterschreiben.
Vor sechs Jahren habe ich in meinen eMails aus Dalian überzeugt verkündet, dass China entgegen alle westlichen Forderungen, ohne das jetztige totalitäre System keine Chance hätte, dass die Regierung schon weiss, was sie tut und dass es notwendig ist, um überhaupt vorwärts zu kommen. Ganz von dieser Meinung abgekommen bin ich immer noch nicht, aber es bohren sich immer mehr Zweifel und Fragezeichen in diese Überzeugung.
Es ist schon wahr, dass eben immer noch ein ganz grosser Teil der Bevölkerung aus Armen besteht, welchen man wirklich erst "Brot und Spiele " (Reis und Karaoke?) geben muss, damit sie zufrieden sind. Aber es gibt doch auch einen gewissen und langsam aber stetig wachsenden Bevölkerungsanteil, welcher schon zu mehr fähig wäre, welchen man aber in diesem Einheitsreisbrei ersticken lässt. Über Wirtschaftliche Aspirationen lässt man sie kaum hinausgehen. Und ausser wenn jemand wirklich, wirklich etwas Anderes will, lässt der Grossteil der Chinesen es sich auch gefallen.
Die kleinen, privaten, kreativen Initiativen werden im Keim erstickt. Durch dieses eine Partei-, ein Nationalstaat-, eine Sprache-, ein Volk-, eine Aufstiegsnationgedröhn, aber durchaus auch durch die Kultur selbst, welche mit solchen Phänomenen eigentlich nicht so richtig etwas anzufangen weiss. Welcher Einfluss stärker unterdrückend wirkt, ist für mich immer noch schwer zu beurteilen. Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht, dass es im Chinesischen für das Wort "Phantasie" keine wirklich entsprechende Übersetzung gibt. Der Ausdruck "想象 = xiang xiang" drückt lediglich so etwas wie die Abstraktion, das denkende Übertragen ins Symbolische aus. Immerhin habe ich letzthin auf einer Werbung auch das Wort "创想 = chuang xiang" gesehen, welches ich nicht einmal im Wörterbuch gefunden habe, was aber wohl soviel wie "Neues erdenken" bedeutet. Wie gesagt, immerhin ein kleiner Keim, auch wenn es sich dabei um eine Werbung für Outdoor Material gehandelt hat. Wobei diese Art von Outdoor Gedanken an sich schon etwas total Neues ist hier.
Während fast jeden Europäer regelmässig so eine Art Klaustrophobie befällt, wenn man bei jedem Versuch, am Wochenende etwas freie Natur zu finden, kläglich versagt, und immer wieder auf mehrere tausend Spaziergänger trifft scheinen die Chinesen doch eher dieses soziale, laute Zusammensein in der Natur zu suchen, als eben die stille Erholung alleine. Um die Estates gibt es meistens Mauern, so dass man in die umliegenden Hügel und kleinen Wäldchen, falls es überhaupt welche gibt, meist gar nicht kommt (immerhin erübrigen sich bisher noch die Kalaschnikow bewaffneten Scharfschützen zur Bewachung). Um jede Stadt, um jedes Dorf herum gibt's zuerst mal kilometerweise Felder, durchbrochen mit Abfallhalden. Als einziges Refugium zum Spazierengehen eben die überfüllten Parks.
Hier fehlt ganz einfach auch der Platz für Menschenrechte und Individualismus nach westlicher Vorstellung. Das ist wohl auch der Grund, weshalb der Konfuzianismus die soziale Harmonie als oberstes Prinzip setzt, wieso der Buddhismus die Freiheit in der Introspektion sucht und wohl auch wieso Deng Xiaoping damals 1989 erklärt hat, dass das Leben einiger verzweifelter idealistischer Studenten nicht die Stabilität und die Hoffnung auf materielles Wohl des ganzen Landes aufwiegen kann.
Die obengenannte Parole 创想 ist nämlich momentan damit verbunden, dass die, die sich's leisten können mit modernen Outfits und SUWs in die verlasseneren Provinzen des Landes fahren und dort ihren Individualismus ausleben. In der chinesischen Alltagsumgebung ist das schlicht unmöglich. Mit solchen Abenteuern haben nicht zuletzt die Westler angefangen. Vereinzelte Globetrotter. Ob das aber immer noch den westlichen Vorstellungen von Entdeckungsgeist und Nachhaltigkeit entspricht, wenn tausende dem Ruf folgen, ist eher fraglich. Und schon landet man wieder dabei, wie weit wir mit unseren europäischen Gehirnen überhaupt beurteilen und anprangern können, was hier geschieht. Vielleicht entgegnet die chinesische Regierung eben gerade diesem westlichen Unvermögen, die asiatischen Dimensionen zu verstehen und verstehen zu wollen immer wieder mit der Parole "das ist eine Innerchinesische Angelegenheit". Wenn sich dann im Innern Chinas doch einige vom westlichen Freiheitsgedanken früher als opportun anstecken lassen, müssen sie in ebendiesen verlassenen Provinzen unter weitaus weniger angenehmen Bedingungen dafür büssen.
Und doch darf man sich heute schon weitaus mehr anstecken lassen als noch vor 10 Jahren. Es gibt auch in NGOs, welche (zwar nach mehr oder weniger langen Marathonläufen der Bürokratie) von der Regierung anerkannt werden und welche sogar immer mehr auch von der Regierung unterstützt werden, wenn letztere sich nicht in der Lage sieht, gewisse Lagen selbst zu meistern. Zum Beispiel war die Erdbebenkatastrophe in Sichuan der Ausgangspunkt von vielen erfolgreichen Privatinitiativen. NGOs, welche sich an der ersten Katastrophenhilfe beteiligt haben, welche aber auch im nächsten Schritt durch "grassroot communities" den Wiederaufbau in vielen Dörfern erst möglich gemacht haben und machen. Wahrscheinlich müssen solche Modelle zuerst vorsichtig erprobt werden, bevor sie sich langsam im gesamten Gesellschaftsmodell ihren Platz suchen. Damit eben der chinesische Weg möglich wird und nicht nur das rebellische Ausbrechen mit schnellen Autos aus zu engen, überbevölkerten Strukturen. Mit den Konsequenzen, wenn Menschen mit zuviel Individualismus und Möglichkeiten nicht zurecht kommen kämpfen wir schliesslich auch im Westen. Aber im Westen sind es eben auch Individuen und Gruppen, welche von freien Möglichkeiten Gebrauch zu machen wissen, welche die Gesellschaft immer wieder vorwärts bringen. Dieses Gleichgewicht muss China für sich erst finden.

Too big - 太大 - Dimensions I

Shoppingbummel im Pearl River Delta. Da muss man erstmal mithalten können.
Will man Tee kaufen, kann man in Guangzhou auf den Tea Market gehen. Der besteht aus sehr wahrscheinlich über tausend (wenn nicht mehreren tausend) verschiedenen Geschäften, die bis auf wenige Ausnahmen fast alle dasselbe anbieten und wo in jedem Geschäft mehrere, teils gelangweilte, teils freundlich lächelnde Damen und Herren warten. Auch andere Güter werden hier in "Markets" verkauft. Da gibt es den Leather Market, den (faked) Watch Market, den Western Clothes Market, den Pearl Market, den Silk Market, den Electronics Market... Und auf jedem Markt dasselbe Bild. Tausende von Ständen oder Läden, bei denen man von aussen nicht beurteilen kann, auf was sie sich denn spezialisieren, falls sie dies überhaupt tun. Man kann eher von identischem Angebot sprechen.
Auf die Spitze getrieben fand ich dieses Konzept letzthin, als ich an einer grossen Strasse aus dem Bus stieg und gleich daneben ein Typ auf einer Plastikdecke ausgebreitet einige Tigerkrallen und -pfoten ausgebreitet hatte. Schlimm genug, aber von diesen Typen gab's auf den nächsten zweihundert Metern noch acht weitere.
Man fragt sich immer wieder, wie die denn alle überleben. Aber offensichtlich rechnen all diese Geschäfte immer mit der Masse. In einer Stadt mit 20 Millionen Einwohnern wird ja wohl irgendwann mal einer vorbeikommen, der etwas kauft.
Man spricht ja immer so sehnsüchtig vom verlockenden chinesischen Binnenmarkt, wo der Konsumboom noch in greifbarer Zukunft liegt. Jede westliche Marke, welche etwas auf sich hält, fühlt sich verpflichtet, in China präsent zu sein. Auch wenn auch diese Läden meist leer sind. Rechnen auch all die westlichen Firmen damit, dass bei 1.3 Milliarden Einwohnern ja irgendwann mal einer vorbeikommen muss, der etwas kauft?
Schaut man sich die jeden Tag neu aus dem Boden gestampften Immobilieninvestitionsprojekte von Näherem an, so stellt man fest, dass keine dieser etwas besseren Siedlungen zu mehr als 30% bewohnte Wohnungen vorweisen kann. Noch etwas krasser ist die Situation bei den noch etwas teureren Villenquartieren oder den Büro- und Geschäftsblöcken. Dazu reicht dann offentlich die Kaufkraft des Grossteils der Bevölkerung halt doch (noch) nicht. Und doch wird in unserem Estate, seit wir hier sind, fast jede Woche ein neues Geschäft eröffnet, steht man, wenn man abends mit dem Taxi aus der Stadt nach Hause fährt, erst mal im Stau. Normal? In Paris, London oder sogar dem klitzekleinen Genf steht man ja schliesslich auch regelmässig im Stau. Aber da kann man wenigstens davon ausgehen, dass schon alle, die mit dem Auto fahren wollen, das auch tun und schon ein oder sogar mehrere Autos besitzen. In China aber leben immer noch über 70% der Bevölkerung auf dem Land. Da können sich die meisten oft noch nicht einmal ein Fahrrad kaufen. Und auch unter den restlichen 30% der Stadtbewohner können sich noch lange nicht alle ein Auto leisten. Und jetzt schon Stau?
Alles ein paar Dimensionen zu gross? Alles eine Spur zu schnell?
Während bei uns die Autoindustrie zu darben scheint, haben sich fast alle meiner langjährigen chinesischen Freunde inzwischen ein Auto gekauft. Obwohl sie noch längstens nicht zu den oberen 10'000 (oder hier wohl eher zu den oberen 1'000'000) gehören. Und auf einmal, wenn es sich um Freunde handelt, wenn Namen hinter diesen wie sie bei uns beschrieben werden "konsumwütigen Chinesen" stehen, wird alles so verständlich. Klar, dass sie wie wir auch am Wochenende mal in die Hot Springs fahren wollen. Klar, dass sie am Samstag gerne mal der Grossstadt entfliehen wollen und zum Meer oder ins Hinterland wollen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind diese Dinge nicht zu schaffen. Dafür ist das Netz einfach zu schlecht ausgebaut. Aber die Regierung steckt ja jetzt bekannterweise Milliarden in Infrastrukturprojekte, damit es vielleicht doch noch möglich wird, die Entdeckungs- und Konsumgelüste des immer grösser werdenen Mittelstand zu stillen. Im Wallis wird, seit ich lebe, an ein paar Kilometern Autobahn durchs Rohnetal herumgestritten und Stückchen für Stückchen gebaut. Hier entsteht innert kürzerster Zeit eine neue Eisenbahnstrecke, eine neue Schnellstrasse quer durch Wohngebiete oder freie Natur. Egal. Das Gute daran ist, dass das Ganze sowieso so schlecht gebaut ist, dass es dann auch einfach wieder abgerissen werden kann. Somit sind dann auch die Infrastrukturinvestitionsprojekte der Zukunft gesichert. Abgerissen wird hier nämlich fast so oft wie gebaut. Und nicht nur historische Denkmäler. Wieso soll man für die Ewigkeit bauen, wenn man die Bauten gerade jetzt braucht und die Ewigkeit als Konzept gar nicht wirklich existiert.
Nachhaltigkeit scheint auch nur propagiert zu werden, weil das Ganze sich zu verselbständigen scheint und man keine Möglichkeit mehr hat abzuschätzen, ob eben das Angebot schneller wachsen wird als der tatsächliche Return on investment, wenn sich das Angebot niemand leisten kann, oder ob die Gelüste so schnell wachsen, dass man mit dem Angebot nicht mehr nachkommt.
Wenn ich von hier aus die politischenDebatten in der Schweiz verfolge, kommt mir manche schon jetzt nach nicht einmal einem Jahr hier sehr skurril vor. So meilenweit von den hiesisgen Denkmustern, von den hiesigen Problemen, vom Entwicklungsstand und ganz einfach von den chinesischen Dimensionen entfernt. Fast noch seltsamer wird es dann, wenn man Artikel über China liest. Die sind nämlich dann aus derselben kleinen, europäischen Perspektive geschrieben.
Aber mit diesen Augen kann man China nicht erfassen. Ich merke es ja immer wieder daran, wie schwierig es ist, diese Beiträge zu schreiben, ohne mich immer wieder zu verstricken und auf übernommene Platitüden herabzulassen. Vorurteile und Schemen, welche man von hier aus einfach nicht bestätigen kann. Es ist so schwierig dieses Land in Worte zu fassen. Immer wieder entgleitet es einem, wenn einem beim Schreiben einer These schon wieder mögliche Beispiele für eine Antithese einfallen.
In Europa gibt's in jedem Kaff Ortsschilder und Hinweisschilder wie weit es bis zum nächsten Kaff ist. Und jeder weiss, welches Autobahnstück im 2015 fertiggestellt werden wird. Die meisten Chinesen, auch die gebildeteren, können auch die rudimentärsten geographischen Karten nicht lesen und wissen auch nicht, wo sie durchfahren, wenn sie im Reisebus zum Ferienresort sitzen. Auch für sie ist das Leben, welches sie seit rund 60 Jahren zu erobern im Begriffe sind immer noch einige Dimensionen zu gross.
Was morgen passiert, ist alles offen.

Sonntag, 22. März 2009

Wen hua 文化 - Culture II


Letzthin stand ich an einem Bankomaten, an dem ich üblicherweise Geld hole, und wollte wie gewohnt diesen Vorgang wiederholen. Da gab es aber auf einmal keine Taste oder Aufforderung zum Geldabheben mehr. Ich habe es mehrmals versucht und sogar schon daran zu zweifeln begonnen, dass es überhaupt irgendwann so eine Taste gegeben hatte. Nichts. 
Das war das erste Mal, wo ich bewusst ein westliches technisches System mit asiatisch kultureller Anpassung erfahren habe. Wo bei uns der Benutzer schon von weitem darauf aufmerksam gemacht wird, dass der Automat heute aus irgendeinem Grund kein Geld ausspucken wird, möchte man hier den Kunden nicht davon abhalten, es zu probieren, wenn er doch unbedingt möchte.
So würde einem hier auch niemand sagen, dass man da und da nicht hingehen soll, weil es da das, was man sucht, gar nicht gibt. Wenn das Gegenüber doch unbedingt dahin möchte, will man dem auf keinen Fall im Weg stehen. 
Ist das denn schon Ausdruck eines kulturellen Unterschieds? Wie lassen sich kulturelle Differenzen erfassen, charakterisieren? Was versteht man denn eigentlich unter dem Begriff "Kultur"? Das, was seit Jahrhunderten (oder gar Jahrtausenden) in einem Volk überliefert ist? Was man tagtäglich um sich herum sieht? Was die Mehrheit des Volkes ausmacht? Was der herrschende Adel sich einst geleistet hat? Oder was die intellektuelle Elite und die sogenannten Kulturschaffenden als solche legitimiert?
Je nachdem fällt das Urteil anders aus. Hier in China ganz besonders.
Momentan läuft in Guangzhou (und wahrscheinlich auch anderswo) eine grosse Werbeaktion mit der Parole "创建全国文明成市 = chuang jian quan guo wen ming cheng shi". Was mehr oder weniger heisst "Lasst uns im ganzen Land unsere Städte zivilisieren!".
Da wird es doch spannend, was denn die Chinesen nun unter "文明 wen ming = Zivilisation" verstehen. Kein Spucken, kein Drängeln, Schwangeren den Platz im Bus freimachen...? Das käme ja unseren westlichen Ansprüchen durchaus entgegen. Oder ist da ebenso gemeint "nicht widersprechen", "Vorbilder möglichst gut kopieren", "hart arbeiten und Reichtum aufbauen"? Was hingegen in gewisser Hinsicht durchaus auch den traditionellen chinesischen Idealen entspräche, zumindest laut heutigem Volksmund und Regierungspropaganda.
Das Aufbauen materiellen Wohlstandes wiederum könnte man durchaus auch als Leitbild der westlichen "Kultur" verstehen. Wobei sich dann die obengenannten Kulturschaffenden und Intellektuellen sicher zu Wort melden würden (eben widersprechen würden), dass das doch noch lange keine Kultur ausmacht. Aber auch im Chinesischen wird diese Art von Kultur nicht als 文明 bezeichnet, sondern als "文化 = wen hua". Und als Leute, die 文化 haben, bezeichnet man solche, welche sich eben in den traditionellen Werten, aber auch Künsten, literarischen Werken und "Wissenschaften" auskennen. Eben Gebildete, aber auf chinesische Art. Was aber nicht unbedingt heissen muss, dass sie sich nicht auch für andere Kulturen interessieren können. Aber eben nicht Intellektuelle im westlichen Sinne. 
Aber was hat denn das alles mit den Bankautomaten zu tun?
Wichtig wird das genaue Artikulieren, Erfassen, ja Quantifizieren der kulturellen Unterschiede, wenn man neue Systeme einführen will. Seien es eben vorprogrammierte Bankomaten, neue Produkte oder auch Managementsysteme. Wichtig ist es aber auch, wenn man fundierte Kritik an diesem Land anbringen will. Eben dann müsste man sich mit diesen verschiedenen Interpretationen von Kultur und 文化,文明 und Zivilisation ausandersetzen.
In Betracht zu ziehen ist im Fall von China aber nicht nur die Differenz der Kulturen, sondern fast stärker noch die Absenz von Kultur. Teils bedingt durch die durch das eigene Volk verursachte Zerstörung der Kultur, teils durch den wirtschaftlichen Entwicklungsstatus des Landes. Wer ums Überleben oder zumindest um die bessere Zukunft seiner Kinder kämpft, hat mit Kultur und Werten meist wenig am Hut. 
Das ist die Zweischneidigkeit des Schwerts. Einerseits kann man den grossen Anteil der kulturlosen Bevölkerung so formen, wie man es möchte, sei es zu guten Konsumenten von (westlichen) Produkten, sei es zu hörigen Anhängern des Systems, der Partei. Andererseits erleidet aber gerade die Spannung zwischen den Kulturen, das Spannende der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und der eigenen, einen enormen Verlust. Das macht es für China dann auch schwer, wenn nicht gar unmöglich, einen wirklich eigenen, in sich schlüssigen Weg zu gehen. Einen Weg, der unserer Kultur so völlig entgegengesetzte Alternativen aufzeigt wie damals, als die chinesischen Kulturprodukte noch monatelang über die Seidenstrasse nach Europa getragen wurden.
So war der Bankomat vielleicht auch kein Ausdruck chinesischer Höflichkeit, sondern einfach wieder einmal ein schlecht programmierter Apparat...




Montag, 16. März 2009

Gespräche über die Einkindpolitik


Ein Gespräch über Kinder geht in China etwa so (life erlebt):
Chinesin: Ihr habt's gut. Ihr könnt so viele Kinder haben wie ihr wollt. In China darf man nur eines haben.
Schweizerin: Ja, ja.
Man spaziert etwas weiter. Spricht von was anderem.
C: Der ältere Bruder des Kleinen (den sie auf dem Arm trägt) geht in den Kindergarten im nächsten Estate. Da gibt's auch Englischunterricht.
S: Ah, ihr habt also 2 Kinder.
C: Ja, weil wir den Hukou (so eine Art Bürgerort) auf dem Land haben und nicht in Guangzhou. Auf dem Land darf man 2 Kinder haben.
Man spaziert etwas weiter. Spricht davon, wohin man essen gehen will.
C: Was sagen die Leute bei euch, wenn du 2 Mädchen hast?
S: Bei uns macht das nichts. Uns gefällt beides.
C: Auf dem Land darf man nur 2 Kinder haben, wenn das erste ein Mädchen ist.
S: Aber ihr habt doch 2 Jungen.
C: Jaja.
S: Habt ihr Busse bezahlt?
C: Nein, nein. 
S: Aha?
C: Wir haben 关系 (relations).
Man spaziert weiter und ist beim Restaurant angekommen. 

Donnerstag, 12. März 2009

Horror Finis - 我们先走 - Wo men xian zou

Eine interessante Eigenart der Chinesen scheint eine Art Angst vor jeglichem Ende zu sein. Ohne zu metaphysischen Betrachtungen schweifen zu wollen, ein paar lustige Beispiele dazu.
Wenn man bei uns von jemandem weg geht, wird der Abschied meist fast schon tragisch in die Länge gezogen, mit Umarmungen und langen Abschiedsreden. Die Chinesen sagen Tschüss 在见 (wenn überhaupt) und sind weg.
Wenn man in China abends zusammen essen geht, sitzen alle gemeinsam an einem runden Tisch. Es werden nacheinander leckere Gerichte aufgetischt und auch ein paar Trinkrunden gedreht. Wenn jedoch der letzte Happen gegessen ist, erheben sich die Gäste mit einem Schlag, und brechen auf. Das gilt sogar für Hochzeitsessen. Auch diese sind spätestens um 9 Uhr abends zu Ende. Stundenlanges Diskutieren und Weintrinken bis tief in die Nacht ist da nicht vorgesehen.
Fährt man mit dem Bus in die Stadt, stehen kurz vor der Ankunft alle Fahrgäste schlagartig auf und drängeln zum Ausgang, so dass man eigentlich keine Chance hat, rauszukommen, bevor nicht alle ausgestiegen sind.
Ich erinnere mich noch gut an das erste Mal, als ich dieses Phänomen bemerkt hatte, vor 12 Jahren in Chengdu. Da wurden regelmässig am Wochenende in einem kleinen Saal alte Filme vorgeführt. Einer davon war Casablanca, den ich mir endlich mal anschauen wollte, auch wenn nur mit chinesischen Untertiteln. Der Film war gut. Nur leider, als es zur Hauptpointe kommen sollte, waren alle Zuschauer schon aufgestanden und strömten dem Ausgang zu. Auch wieder nichts mit sentimentalem Dasitzen und gedankenverlorenem den Film auf sich wirken lassen. Sollte Sam doch selber nochmals spielen. Die Chinesen hatten sich schon wieder dem nächsten Ereignis zugewendet.

Samstag, 14. Februar 2009

Tai Ji Quan - Culture I


Einer der grossen Höhepunkte jeder Woche hier sind die Stunden mit unserem Taijiquan (太极拳) Meister Liu JunTao. Den ganzen Rummel des Alltags vergessen und sich nur auf die langsamen, fliessenden Bewegungen konzentrieren. Auf die Ruhe, die dieser Mensch ausstrahlt, in seinen weichen, präzisen und synchronisierten Bewegungen. Wunderschön. Wenn der Meister die Bewegungen ausführt und vorzeigt, hat man das Gefühl, dass diese gar nicht anders möglich sind, so selbstverständlich scheint einem der Ablauf. Wenn man es dann aber selbst nachmachen soll, ist die Vollendung leider noch ein gutes Stück entfernt. Dann heisst es, immer wieder üben, üben, üben. Immer wieder zusehen und versuchen, dem Können des Meisters ein wenig näher zu kommen. 
Zuerst versucht man, die Sequenz überhaupt durchspielen zu können, sich die Abfolge zu merken und die Bewegungen ausführen zu können. Danach wird jede einzelne Bewegung nochmals durchgenommen und korrigiert.
Taijiquan wird hier als Technik gelehrt. Jede der Bewegungen muss mit möglichst hoher Präzision ausgeführt werden. Die Winkel der Füsse, die Höhe der Arme, der Zeitpunkt der Drehbewegungen, alles muss stimmen. So wie man die Bewegungen zum ersten Mal korrigiert, kann man sie wohl noch etliche Male korrigieren. Denn jede enthält ja wiederum mannigfache Teilaspekte. So hat jede Bewegung natürlich ihren Yin und ihren Yang Aspekt, muss die Atmung genau geführt werden, das Bewusstsein jeweils an bestimmte Punkte geleitet werden... Bei jeder Korrekturrunden sollte das Qi 气 ein wenig besser fliessen. Von allein. Nichts Esoterisches, von himmlischen Wesen Eingehauchtes, Unlogisches, sondern eine natürliche Folge von perfekten Bewegungen und Positionen, die die Stagnation aufheben, den Energiefluss begünstigen und im Notfall den Angriff eines Gegners abwehren sollen. 
Das Konzept des Qi ist im Westen unbekannt. So systematisch, wie man es aber durch gezieltes Üben und präzise Techniken erfahren kann, würde es mich wundern, wenn es nicht eine physikalisch erfassbare Grösse wäre. Sie passt einfach noch nicht in unser wissenschaftliches Bild hinein.
In der alten chinesischen Kultur sollte ein wahrer Meister Poesie, Kalligraphie, Malerei, Kampfkunst und Medizin beherrschen. Aber ähnlich wie bei den alten Griechen alles zu einem Aspekt der Philosophie gehörte, so war die Beherrschung der genannten fünf Disziplinen gesteuert durch das Nei Jin 内劲, die innere Kraft. Wenn man die verstand und beherrschte, waren die fünf Bereiche nicht so weit auseinander. Auch heute noch, wird im chinesischen Denken die "Grösse" eines Menschen eben an seiner Nei Li 内力 gemessen.  So irgendwie ist das die Essenz des chinesischen Weltbildes. Diese innere Kraft oder Energie bestimmt die Einheit und den Wandel der Dinge. Ganz anders als die Vorstellung von Körper, Geist und Seele in der westlichen Kultur. Der Ausdruck "mens sana in copore sano" erhält in der chinesischen Kultur einen ganz anderen Aspekt, da sozusagen die mens gar nicht wirklich verschieden vom corpus ist. 
Das chinesische Weltbild ist wesentlich verschieden vom unseren. Aber in seiner Abgerundetheit eigentlich nicht zu ignorieren. Es könnte Auswege aufzeigen, aus vielen Fragestellungen, bei denen die sogenannte moderne Wissenschaft nicht weiter weiss. Eine Kalligraphie wird nach ähnlichen Kriterien beurteilt wie eben die Ausführung einer Taijiquan Sequenz oder sogar die Rezeptur einer chinesischen Medizin. Macht sich bei uns jemals jemand Gedanken über die Poetisierbarkeit einer Technik?
Wenn es darum geht, in China neue Technologien einzuführen, oder Projekte durchzuführen, die hier oft ohne westliche Hilfe nicht funktionieren würden (zumindest nicht in der Qualität und Geschwindigkeit und ohne Kopieren einer Vorlage) kommen wir uns oft als die grossen Entwicklungshelfer vor, die alles besser können. Die mit dem grossen Vorsprung. Wenn man sich dann aber mit solch einem Gong fu (工夫) Meister konfrontiert sieht, scheint einem die westliche Kultur auf einmal lächerlich einseitig und unvollendet. 
Schade nur, dass diese grossartige Seite der chinesischen Kultur bei der jüngeren Generation der Chinesen auch in Vergessenheit zu geraten droht.

Quadratmeterpreis in unserem Wohngebiet: 8500 RMB
Busse für ein zweites Kind für ein Paar mit Wohnsitz im städtischen Gebiet: 100'000 RMB

Sonntag, 1. Februar 2009

Happy New Year II




Am 26. Januar hat das Jahr des Ochsen begonnen. Happy Niu Year! 
"牛 = niu = Kuh oder Ochse. Ein kleines Beispiel für chinesische Wortspielereien. Ansonsten ist das chinesische Neue Jahr vor allem damit verbunden, dass Millionen von Chinesen das Land durchqueren, um nach Hausen zu fahren (eine Zugfahrt um diese Zeit gräbt sich tief in die Erinnerung jedes Westlers ein), mit der versammelten Familie viel zu essen und zu trinken, auch die Nachbarn und Verwandten besuchen zu gehen, sich Drachenumzüge im Fernsehen anzuschauen und vor allem minimum 10 Tage lang mit massenweise Knallkörpern und einigen Feuerwerken den Geistern den Garaus zu machen.
Für Aussenstehende ist das meist nicht ganz so spannend. Deshalb haben wir uns diesmal für ein paar Tage nach Korea verkrochen.

Samstag, 3. Januar 2009

Happy New Year

Allen Blog-Lesern ein wunderschönes und glückliches Jahr 2009.!
Ich hoffe, es ist immer noch interessant, ab und zu in die Seite reinzuschauen. Auch wenn ich mich inzwischen fast ausschliesslich aufs Deutsche verlegt habe, auch wenn mein Schreibstil nicht immer ganz abgerundet ist, auch wenn ich nicht mehr ganz so regelmässig schreibe wie am Anfang und auch wenn ich sicher nicht den High-Score punkto Leserkommentare brechen werde.
Es ist nicht immer einfach, die komplexen Zusammenhänge so ausgewogen wie möglich auszudrücken und das auch noch in so kurze Artikel reinzuzwängen. Oft sind es ja eher Gefühle als streng abgesicherte Tatsachen. Erfahrungen müssen immer wieder abgeglichen werden, bevor man irgendwelche Verallgemeinerungen vorbringen kann. Und auch dann ist es gut denkbar, dass ich in einigen Monaten über gewisse Themen ganz anders schreiben werde. Aber gerade das ist ja der Sinn dieses Blogs. Die ständige Auseinandersetzung mit der Umgebung. Und China ist eine grandiose Chance, alles immer wieder zu hinterfragen. Eine uralte Kultur mit einer Medizin und einer Schrift, die nichts mit der unsrigen zu tun haben und so vielleicht bei mancher wissenschaftlichen oder medizinischen Sackgasse weiterhelfen könnten, ein maoistisch-sozialistisches Einparteiensystem, das den Kapitalismus anhimmelt, eine konfuzianistisch-taoistisch-buddhistische Gesellschaftsordnung, welche trotz Armut und Überbevölkerung ein erstaunlich friedfertiges und zufriedenes Zusammenleben ermöglicht und nicht zuletzt ein Schwellenland, welches sich aufmacht das 21. Jahrhundert zu erobern und die Rohstoffe zugleich. Es wird sicher noch spannend sein, den weiteren Verlauf im Rahmen der globalen Finanzkrise zu verfolgen.
Nochmals vielen Dank fürs Lesen. Vielleicht gibt's ja im neuen Jahr auch einige Rückfragen.

500 g Mandarinen = 1.5 RMB
3 Mangos = 10 RMB
1 Paar Schuhbändel = 2 RMB
2 Stunden SPA im Shangri-La Hotel = 2000 RMB

Einstellungen - Bijiao III


Aus aktuellem Anlass zum neuen Jahr, einige Gedanken zum Thema "Einstellung zum Leben und den Dingen allgemein".
Ich kann mich noch gut erinnern welcher Schock es war, als ich 1996 nach neun Monaten Asienreise auf der Heimfahrt durch Sibirien wieder die erste christliche Kirche besucht habe. Der leidende Christus am Kreuz war solch ein gewaltiger Kontrast zu den ewig lächelnden, strahlenden, goldenen Buddhastatuen hier in Asien. An diesen Schock denke ich auch heute noch bei jeder unserer Tempelbesichtigungen. Und so ähnlich sieht auch der Kontrast beim Beobachten der Leute auf der Strasse aus.
Die Chinesen scheinen eine fast durchwegs positive Einstellung zum Leben zu haben. Viele Europäer wollen gerade deshalb nicht mehr zurück, weil sie das ewige Nörgeln und Klagen zu Hause nicht mehr ertragen. Obwohl die meisten Chinesen immer noch unter eher schwierigen Bedingungen leben, vergeht den Leuten das Lächeln fast nie. Gerade die Armen lächeln und grüssen so unbefangen und fröhlich, dass man schon fast ein schlechtes Gewissen habe könnte (wenn man sich nicht eben vorgenommen hätte, die Welt auch etwas sorgloser zu sehen). Und vor allem die Älteren, welche fast alle für uns Unvorstellbares hinter sich haben, erzählen mit einer erstaunlichen Leichtigkeit von ihrem Leben. Kaum einer beklagt sich. Man nimmt das Leben wie es kommt und schaut zuversichtlich in die Zukunft. 
Die Kehrseite der Münze ist dann halt eben wohl doch die Rückständigkeit. So wird kaum etwas wirklich hinterfragt oder gar unaufgefordert, innovativ verbessert. "No problem, we can do it!", auch wenn sie keine Ahnung haben. "No problem, we can do it again!", wenn man ihnen Ware zurückbringt, wo eben die Arbeit in dieser Inkompetenz schlecht ausgeführt wurde. "It's running smoothly", auch wenn sich hinter jeder Detailfrage die Abgründe auftun. Auch der chinesische Ausdruck "差不多= cha bu duo = more or less", der soviel heisst wie "das ist schon ok" wird viel gebraucht.
Die positive Einstellung, die in europäischen Firmen in manchem Workshop mit externen Coaches mühsam erarbeitet wird, ist immer präsent, der eigene Antrieb zur Veränderung fehlt aber meist. Oft wird einfach konstatiert, dass etwas nicht funktioniert und dann eben ohne dieses Teil weitergemacht, auch wenn es dann eben nicht ganz so smoothly geht. In besseren Fällen werden "Sofortmassnahmen" ergriffen. D.h. einer greift zum Telephon, ein anderer (oder meist mehrere) kommt und improvisiert etwas zurecht, was dem Übel gleich Abhilfe schaffen sollte. Zum Nachdenken über eine dauerhaftere Lösung kommt es meist nur nach Aufforderung durch einen Westler oder zumindest einen chinesischen Chef, der die Fähigkeit besitzt, etwas weiter denken zu können (meist auch im Westen antrainiert). Manches mag eine leidliche Folge des kommunistischen Systems sein, anderes aber ist wohl doch eher der chinesischen Seele zuzuschreiben. Auf jeden Fall aber ist es kein Laissez-aller des weltlichen, weil ja nur das Jenseits zählt. Die Chinesen haben allgemein eine sehr pragmatische Einstellung zum Leben. Es ist wohl eher als eine Art Grosszügigkeit der menschlichen Unvollkommenheit gegenüber zu werten. 
Wie immer hat das mehrere Aspekte. Was uns bei der Arbeit vielleicht oft unprofessionell vorkommt, kann im "normalen" Leben auch angenehm sein, wenn nicht jeder sich gleich aufregt, oder einen belehren muss, wen man mal was falsch gemacht hat. Hinter letzterem verbirgt sich aber noch eine andere asiatische Eigenheit, die des "Gesichtsbewahrens". Damit eben alles smoothly läuft und jeder lächeln kann und alle harmonisch zusammenleben können, tut man alles, um jemanden nicht öffentlich zu blamieren. Manchmal dann eben auch einen, der mal nebenbei ein paar Tonnen Melamin ins Milchpulver schüttet. Aber das übersteigt schon wieder das heutige Thema...